Drei Wochen mit dem Motorrad durch Süd-Ost-Europa
15.07.2006 – 03.08.2006

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Freitag Nachmittag packen wir in rekordverdächtiger Zeit (1,5h) und mit Hilfe unserer ausgeklügelten Packliste unsere komplette Ausrüstung zusammen.
Jan lacht sich abends halb kaputt, weil Martin nicht weiß ob wir einen Rasierer mit haben. Dafür weiß ich nichts über die Küche. Teamwork und Arbeitsteilung nennt man das und ein bisschen stolz sind wir auch drauf.

Samstag 15.07. - 300 km – Breslau (PL)
Wir starten 13 Uhr. Ziel ist Breslau. Wir nehmen die Autobahn und kommen gut voran. In Polen sind dann viele Autos mit deutschen Kennzeichen unterwegs und die fahren wie blöd. Dann passiert eine komische Sache. Ich muss auf Reserve schalten, aber leider sind die anvisierten 100km schon nach 30km zu Ende. Mitten auf der Autobahn ohne Standstreifen bleibe ich liegen. Martin bleibt stehen und ich habe noch soviel Schwung, dass ich bis zu ihm rolle. Wenden wäre an dieser Stelle lebensgefährlich gewesen. Nun schnell mit der Kocherflasche etwas Benzin umgefüllt und nach kleineren Startschwierigkeiten geht es weiter bis zur nächsten Tankstelle in 5km! Mein Tank scheint aber ein Loch zu haben. Statt der erwarteten 22 Liter passen nur 17 rein. Komische Sache, die wir beobachten müssen.
50km vor Breslau kommen wir in einen Stau und fahren eine Stunde Schritttempo. Aber auch das geht vorbei und wir finden zügig den ausgewählten Zeltplatz in der Stadt an der Oder. Nettes Plätzchen hier, kaum Einheimische, dafür viele Holländer mit Wohnwagen.
Abends wollen wir in einer Schänke nebenan den Urlaub mit einem Schnitzel einleiten, aber leider ist das Restaurant wegen einer großen Feier geschlossen. So machen wir uns auf den Weg in die Innenstadt, aber wir finden und finden kein Kneipchen. Da es mittlerweile 21.30 Uhr ist und ich mit meinen Motorradstiefeln doch nicht so weit laufen kann, drehen wir wieder um und essen auf dem Zeltplatz noch ein Schnittchen.
Das war der erste Tag und es sieht alles ganz gewaltig nach Urlaub aus...

Sonntag 16.07. Breslau
Wir haben wunderbar geschlafen, nebenan singen holländische Kinder und auf der Oder werden Segelstunden gegeben. Wir laufen zum Einkaufsladen (1km) und dann frühstücken wir ordentlich. Jetzt ist Urlaub!

Mittags machen wir uns auf den Weg in die Stadt. Wir erkennen, dass wir bei unserer vorabendlichen Nahrungsmittelsuche schon fast im Zentrum Breslaus waren. Nur 5 Minuten weiter und wir hätten eine Schnitzelschänke nach der anderen gefunden. Na ja Pech gehabt.
Zu den Breslauer Eindrücken: Hier lernt man mal ein ganz anderes Polen kennen. Der Altstadtkern ist schon hübsch restauriert und ringsum wird wie verrückt gebaut. Dass die Stadt 1945 völlig in Trümmern lag, kann man kaum glauben. Wir denken, dass hier in 5-10 Jahren eine richtig schicke Metropole entstanden sein wird.
Da die Oder sich in der Stadt stark verzweigt, läuft man ständig über Brücken. Vom Baustil erinnert das ganze stark an Prag. Vielleicht war es der gleiche Bau-Ing. :o)
Nachdem wir unseren Rundgang durch die Stadt absolviert haben, laufen wir erstmal eine Kneipe an. Bei etwas zu Essen und chilliger Musik beobachten wir die Breslauer und die Touristen, bevor es zurück zum Zeltplatz geht.
Zum Abend gibt es noch ein Feuerwerk und dann gehts ins Bett.

Montag 17.07. – 300km – Breslau - Krakau
Nächstes Ziel ist Krakau. Wir fahren fast komplett Autobahn. Bis auf etwas anstrengende polnische Verkehrsteilnehmer (die fahren verdammt dicht auf), verläuft die Überfahrt problemlos.
Wir fahren im Norden von Krakau von der Autobahn ab und suchen uns einen Zeltplatz. Immer der Ausschilderung folgend, werden wir durch die ganze Stadt geleitet und kommen schließlich im Süden wieder aus Krakau raus. Zum Glück gibt es den Zeltplatz wirklich und er ist auch ziemlich gut organisiert. Die Bar ist in Sichtweite ;-).
Wir gehen noch ins Dorf was essen und morgen fahren wir mit dem Bus in die Stadt.

Dienstag 18.07. Krakau
Wir laufen gegen Mittag los, um uns Krakau anzusehen. Vorher wollen wir noch bei einer Kugellagerbude vorbei, um ein frühzeitig gealtertes Lager an Martins BIG zu kaufen. An der Stelle, wo sich die Lagebude befinden soll (laut Auskunft vom Zeltplatzwart) ist aber bloß ein Baumarkt. Nach einigem Hin- und Her fragen wir uns zu einer Kfz-Werkstatt durch, die uns helfen kann. Der sehr nette Besitzer hat das Teil zwar nicht da, weiß aber wo es das gibt und will das Lager bis zum nächsten Tag beschaffen. Wirklich sehr hilfsbereit und nett die Menschen hier!
Nach dieser Aktion wollen wir dann aber wirklich nach Krakau. Der Bus, der angeblich fahren soll, lässt auf sich warten. Zum Laufen ist es zu weit, also nehmen wir uns kurz entschlossen ein Taxi.
Krakau ist eine Stadt von nicht vermuteter Größe ... eine Großstadt eben. Der historische Kern ist sehr sehenswert, was allerdings auch Heerscharen von anderen Touristen so sehen. Da wir keine Lust auf solchen Rummel haben, machen wir noch eine kleine Pause auf dem Burgberg (Wavel – ein gigantisches Teil) und fahren mit einem Kleinbus wieder auf den Zeltplatz. (und weil das so gut geklappt hat, will Martin am liebsten morgen gleich noch mal mit dem Bus fahren ...)
Im Vergleich zu Breslau ist Krakau deutlich touristischer, hektischer und größer. Martin hat Breslau besser gefallen. Ich denke, beide Städte haben ihren Reiz und einen Besuch sind sie allemal wert.

Blick vom Wavel

Mittwoch 19.07. Krakau – Litkorske Mare (Slowakei) 250km
Nach dem Frühstück und einem interessanten Gespräch mit dem französischen Camper von nebenan (es gibt wirklich Franzosen, die englisch sprechen können und wollen ...) fahren wir los in Richtung Slowakei. Vorher noch schnell in die Kfz-Bude, das Lager ist da, Polen fetzt! (aber vielleicht auch bloß Glück gehabt…).
Nachdem wir die Haupttransitroute hinter Rabka verlassen haben, macht das fahren richtig Spaß. Wir tuckern auf kleinen Straße die Berge der hohen Tatra hoch, queren bei Lysa Polana die Grenze und weiter gehts auf slowakischer Seite auf kleinen weißen bis gelben Straßen um das Gebirge herum.

Die Landschaft ist sehr beeindruckend. Einen Tag vorher sind wir noch durch ebenste Ebenen gefahren und nun liegen die bis zu 2500m hohen Berge vor uns, die zum Teil noch mit Schnee bedeckt sind. Auf der slowakischen Seite wurde allerdings starker Kahlschlag an der Bewaldung verübt. Vielleicht Windbruch, vielleicht Waldbrand oder auch Holzindustrie. Dazu kommen noch hässliche Hotelburgen – alles in allem stellenweise abschreckend. (Zu Hause hören wir, dass dort vor zwei Jahren ein Tornado oder so etwas durchgefegt ist und eine Schneise geschlagen hat, also lag dieser öder Landstrich nicht in der unfähigen slowakischen Förstereibehörde begründet).
Unser Ziel für heute soll ein Zeltplatz am Litkorske Mare sein. Das Ding ist aber die totale Katastrophe – Zeltplatzindustrie mit Ballermanntouch. Bloß schnell weg. Wegen Mangel an Alternativen suchen wir uns ein Wildcamp an einer ziemlich frequentierten Badestelle. Nachdem gegen 21 Uhr die letzten Krachschläger weg sind, haben wir auch unsere Ruhe und genießen die doch recht schöne Landschaft.
Die heutige Etappe war ganz hervorragend fürs Motorrad fahren. Deutliche Höhenunterschiede, viele aber nicht zu enge Kurven und Serpentinen. Man konnte relaxed durch die Gegend schwingen. Dazu noch wenig Verkehr und schöne Landschaft. Was will man mehr!

Grenze zur Slowakei

Donnerstag 20.07. Slowakei – kurz vor Budapest (HUN), 240 km
Um 9 Uhr beenden die ersten Badegäste unsere Nachtruhe. Die rücken mit ihrem ganzen Hausrat an: Tisch, Stuhl, Gummiboot mit Außenborder, Quad, Fernglas, Hund. Wir lassen uns von dem Zauber nicht stören, frühstücken in Ruhe, packen und fahren los.

Wir fahren auf der E66 nach Banska Bystrica und weiter nach Zvolen durch die niedere Tatra. Hier ist die Landschaft immer noch sehr schön und das Fahren auf den kurvenreichen, stellenweise aber etwas ausbesserungsbedürftigen Straßen macht Spaß. Zum Motorrad fahren kann man die Slowakei sehr empfehlen.
Wir entschließen uns nach Ungarn über Sachy einzureisen und uns dann einen Zeltplatz an der Donau zu suchen. Die Einreise läuft problemlos, die Geschichte mit dem Zeltplatz dafür nicht. Aus irgendeinem Grund sind in allen besehenen Straßenkarten (Shell-Atlas, regionale Karten usw.) gar keine Zeltplätze eingezeichnet. Da wir nicht wieder wild campen wollen, bleibt nur die Suche auf gut Glück. Wir nähern uns immer mehr Budapest und die Chance, was zu finden wird immer geringer. 20km vor Budapest entschließen wir uns (es ist schon 19 Uhr) direkt in die Stadt zu fahren und ein Hotel zu nehmen. Alles ausgeguckt und besprochen und weiter gehts. 2km gefahren, ein Hinweisschild, Zeltplatz! Da der Hintern mittlerweile schon glüht, nehmen wir den Hinweis dankend an. So kommt es manchmal.
Nach einem ausgiebigen ungarischen Abendbrot sitzen wir nun in der Kneipe und ruhen uns aus. Prost!
Klitzekleiner Nachtrag von Kati zu den Menschen: die Polen waren nett, offen und freundlich, die Slowaken sahen sehr griesgrämig aus, nach dem Motto: was willst du denn hier und bei den Ungarn versteht man kein einziges Wort. Nicht mal ansatzweise. Aber das ist nur der erste Eindruck.

Sonntag 23.07. Budapest
Das Abendbrot in der Vor-Budapest-Kneipe war sehr lecker, auf einem großen Grill wurde alles zubereitet und man konnte zuschauen. Leider gab es eine starke Mückenattacke, so dass wir den restlichen Abend in der Kneipe verbrachten. Nach zwei Gläsern Wein war es für mich dann auch Zeit ins Bett zu gehen.
Am Morgen gab es Eier mit Schinken, einen sehr guten Kaffee und das alles für kleines Geld. Da war das gestrigen Erlebnis, dass es kein warmes Duschwasser gab, vergessen und vergeben. Also frisch gestärkt – auf in die Hauptstadt.
Nach ca. einer Stunde erreichen wir unser Zielhotel in einer verkehrsberuhigten Szene-Straße. In der Stadt ist es unglaublich heiß, die Öltemperatur der BIG zwingt uns zu einem kleinen Stopp. Völlig verschwitzt und aussehend wie zwei Landstreicher checken wir im Ibis-Hotel ein, nachdem unsere Motorräder vor der Tür des Hauses ihre Marken sprich Ölflecken auf den Marmorplatten hinterlassen haben. Hach so schön sauber und kühl ist es im Zimmer. Nach einer Stunde ausruhen, zwei Stunden lesen und duschen, begeben wir uns dann in die Stadt. Mittlerweile ist es nach 20 Uhr und unsere Szenestraße und ihre Kneipen sind überbevölkert und werden zum Abendbrot von uns abgewählt. Stattdessen machen wir noch einen kleinen Rundgang mit Blick auf die Donau und ein nettes Essen in einer nicht ganz so touristischen Kneipe (obwohl das in diesem Stadtteil fast ausgeschlossen ist). Die Gulaschsuppe ist scharf und gut und der Palinka ist eine Erfahrung, aber nicht unbedingt das Beste auf der Welt (unsere bescheidene Meinung).

Nach einem langen und erholsamen Schlaf suchen wir uns eine Kneipe zum Frühstücken. Wir Geizkragen wollen im Hotel keine acht Euro für Brötchen mit Marmelade ausgeben. Da es aber schon 11.30 Uhr ist, steht zwar an fast jeder Kneipe „Breakfast“ dran, aber es gibt keins mehr.
(Ach ich vergaß noch etwas von gestern Abend. Wir haben dann nach dem Abendessen doch noch einen Stopp in unserer Straße gemacht und einen ziemlich teuren Cocktail und ein Bier getrunken. Was jedoch am Interessantesten war, so voll alle Restaurants auch waren, gegen 23 Uhr wurden Schlag auf Schlag alle geschlossen. Die Gäste standen kaum, da wurde das Sitzkissen weggeräumt. Sowas. Und das zum Samstag.)
So wo war ich stehen geblieben? Ach beim Frühstück. Ja Essen ist eine wichtige Grundlage für zufriedenes Reisen! Naja es fand sich dann doch etwas zum Frühstücken und frisch gestärkt konnte die Stadtbesichtigung starten. Erster Anlaufpunkt: die große Markthalle. Ich hatte Martin bereits berichtet, dass ich vor 10 Jahren hier einem Knoblauch-Schock von einem Langocz erlag und das wollte er auch ausprobieren. Auf Grund der Hitze und der schweren Gerüche im ersten Stock der Markthalle entschied sich Martin dagegen und gab zu, dass er wahrscheinlich auch einen Schock welcher Art auch immer bekommen hätte.
So ging es ohne Langocz dafür mit Postkarten weiter zum Gellertberg, drüber hinweg, mit einer Pause oben, eine schweißtreibende Angelegenheit, dafür drei laut schnatternde Spanierinnen voraus, was ich als sehr lustig empfand. Von dort weiter zum Schloss, kleine Gässchen und Fischerbastei und dann war der Bedarf an Kultur gedeckt. Heute will Martin eine Fischsuppe essen, aber in dieselbe Kneipe wollen wir nicht noch mal. Etwas Abwechslung schadet nicht und außerdem taten die Holzbänke auf Dauer unseren Sitzhöckern nicht gut.
Fischsuppe gab es dann keine, dafür eine nette Kneipe mit sehr gutem Essen, einem sehr gut deutsch sprechendem Kellner (wahrscheinlich einer der 10% „Donauschwaben“), einem Zwack Unicum (hmm eben ein Kräuter, auch so eine Erfahrung …), einem Stromausfall in der ganzen Straße und den drei anliegenden Gaststätten und einem daraus folgendem kurzen, aber netten Gespräch mit dem deutschen Kellner. So war das.
Kurz vorher haben wir uns gefragt wie uns denn nun Budapest gefallen hat und bemerkten zum Schluss, dass uns alte große Gebäude nicht mehr vom Sockel hauen (liegt wahrscheinlich an unserem Wohnort Dresden) und dass man einen Ort mit Situationen in Verbindung bringt und er deshalb als schön oder schlecht in Erinnerung bleibt. Tja und so wird es mit Budapest und dem Stromausfall auch sein – eine sympathische Stadt.

Heute nun am Sonntag nehmen wir doch das Hotelfrühstück in Anspruch, was bei weitem nicht nur aus Brötchen und Marmelade besteht. Da hat doch der Übersetzer geschlampt. Sowas. Dann alles gepackt und laut knatternd aus der Tiefgarage raus und ab in Richtung Süden nach Pecs. Zwei Zeltplätze stehen zur Auswahl: einer an einer Thermalquelle und einer an einer Tropfsteinhöhle.
Doch zuerst fahren wir auf einer superneuen Autobahn, die nicht mal auf der aktuellen ADAC-Karte eingezeichnet ist. Dafür immer schön geradeaus und kaum Verkehr. Fast ein bisschen langweilig. Und als ob das jemand gehört hätte, zieht es sich etwas zu, wird immer dunkler und es blitzt. Schön zu beobachten, dieser Wetterumschwung, da wir ja in einer sehr ebenen Ebene fahren. Und um nicht einziges Angriffsziel der Blitze zu werden, biegen wir bei einer Tankstelle ab und warten zwei Stunden bis der Sturzregen mit Hagel! vorbei ist und man auch die Berge in der näheren Umgebung wieder erahnen konnte.
Nach einigen Kurven und leichtem Regen treffen wir noch auf einen dritten Zeltplatz mit Panoramablick in Orfü und bleiben hier. Es ist diesig und feucht, aber der Platz ist ok. Mal sehen, ob wir noch ins Dörfchen und zum Panorama gehen, Martin hat nämlich gerade einen Leseflash.

Montag 24.07. Pecs – Plitwice (KR) 350km
Die Nacht und das Essen der relativ dubiosen Zeltplatzkneipe haben wir gut überstanden und es scheint wieder die Sonne. Heute wollen wir in Kroatien einfallen. Wir visieren als Ziel den Zeltplatz an den Plitzwitzer Seen an, auf dem wir 2000 schon mal waren. Der Weg dahin ist aber weit.
Wir fahren auf einer Landstraße 1. Ordnung, die aber stellenweise bloß drei Meter breit ist, müssen ständig LKWs überholen, werden überholt, es ist warm und es gibt viele viele Kurven.
Die Gegend ist leicht hügelig, aber eigentlich gar nicht abwechslungsreich. Die Kurvenfahrerei macht Martin trotzdem viel Spaß und am Ende des Tages sind wir gegen 20 Uhr auf dem angepeilten Zeltplatz angekommen.

Zusatz Kati: für mich war dies der physisch und psychisch anstrengendste Fahrtag je. Ich wollte nur noch ankommen und stellte zwischendurch mit Entsetzen fest, dass ich fahre ohne zu denken. Keine Überlegung mehr wie schnell, bremsen oder nicht, wie schräg in die Kurve, alles automatisch. Für Martin war es der schönste Fahrtag, weil ich so schön hinterher gefahren bin (wie eine Große...). Ich war teilweise erschrocken darüber, dass das so funktioniert. Nun vielleicht bleibt etwas von diesem Automatismus und nicht von dem Schreck des entgegenkommenden Autos übrig.
Jetzt im Moment da ich diesen Text aus unserem Tagebuch abschreibe, kommt mir das alles gar nicht mehr so dramatisch vor und der „Schock“ hat sich relativiert. Und ich frage mich, warum der Tag denn überhaupt so anstrengend für mich war. Eine Erklärung hab ich nach wie vor nicht. Für manchen motorradfahrenden Leser mag dies alles komisch klingen, aber nach 5 Jahren Fahrpraxis und 20000 gefahrenen Kilometern war es für mich eine völlig neue Erfahrung, dass man fahren kann ohne über das Fahren an sich nachzudenken.

Dienstag 25.07. Plitzwice – Paklenica NP 120km
Heute fahren wir auf deutlich besseren Straßen an die Adria. Unterwegs sieht man immer noch sehr viele verlassene Häuser mit Einschusslöchern, Spuren vom Balkankonflikt 1995. Bei einer Pause zwischendurch, stellen wir fest, dass die Kroaten sehr guten Espresso kochen können :o)
Der anvisierte Zeltplatz (ebenfalls ein Relikt des 2000er Urlaubes) ist nicht mehr wieder zu erkennen. Überhaupt ist die ganze Gegend extrem touristisch geworden. Aber was soll´s, das Meer ist immer noch da und auch noch schön warm.
Wir suchen uns einen Zeltplatz, auf dem wir ein paar Tage bleiben können. Wir werden auch recht schnell fündig, also schnell das Zelt aufgebaut und ab ins Meer. Zum Abendbrot gibt es dann kroatische Grillplatte und Slivovitza – ein feiner Pflaumenschnaps – in einer kleinen Schnitzelschänke im Dorf. Hier lässt es sich ein paar Tage aushalten.

26. – 28.07. Starigrad Paklenica 0km
Lesen, baden, essen, rauchen und den ganzen Tag um Schatten rumsielen – mehr passiert an diesen Tagen nicht.
Martin wird Opfer eines nächtlichen Mücken- oder Stechfliegenangriffs, hat daraufhin einen geschwollenen Arm und eine dicke linke Hand und ist mit dem Kühlen der Einstichstellen beschäftigt. Ansonsten ist das hier die Erholung in reinster Form.

Samstag 29.07. Starigrad – Nove Mesto (SLO) 260 km
Aber irgendwann wird auch die dollste Erholung langweilig, also fahren wir weiter. Nach unseren Überlegungen brauchen wir weiter nördlich an der Adriaküste nicht zu suchen, das Touristenmeer wird nur noch größer.
Also wollen wir direkt nach Slowenien. Wir gönnen uns heute die Autobahnmaut und fahren direkt in einen dicken Stau. Der geht über 20km die engen Autobahnkurven die Berge hoch und das Ganze bei 35 Grad. Wir können zum Glück auf dem Standstreifen am Stau vorbeifahren, aber auch so ist es ganz schön heiß. Am Ende des Staus und zwischendurch stehen dann auch eine Reihe von Autos mit geöffneter Motorhaube - offensichtlich thermische Problem? Der Grund des Staus war, dass ein Tunnel durch die Berge noch nicht fertig ist. Die Autobahn wurde hier einspurig. Die Mautstationen funktionieren aber hervorragend…
Der Rest der Strecke ging dann reibungslos, kurz vor der slowenischen Grenze von der Autobahn runter und noch ein paar Kilometer ins Landesinnere nach Nove Mesto.
Da es schon ziemlich spät ist und wir auch erstmal die Nase voll vom Zelten haben, nehmen wir uns eine Pension. Dazu gehört gleich eine Kneipe, also alles da was man braucht.

Sonntag 30.07. Nove Mesto – Maribor 200km
Nach einer angenehmen Nachtruhe im Bett und einem spartanischem Frühstück jockeln wir gegen 11 Uhr weiter Richtung Norden. Ziel ist Ptuj, dort soll ein See mit Zeltplatz sein. Ganz gediegen fahren wir durch das schöne slowenische Land, die Straßen sind sehr gut, die Landschaft schön und alles sieht sauber und nett aus. Unterwegs trinken wir einen Kaffee und fahren gemütlich weiter. Irgendwie haben wir zum Morgen eine Clown gefrühstückt und kichern bei jeder Pause. Zwischendurch hält Martin in einem Dorf an, ich frag mich warum, er deutet auf eine Burg in den Bergen und sagt: wenn du frech bist, kommst du da oben rein. Und weiter gehts. Davon geht das Gekicher auch nicht weg :o)
Das Fahren geht mir heute leicht von der Hand, es ist eben nicht jeder Tag wie der andere und vielleicht lerne ich es ja doch noch richtig. Dann gibt es noch ein Päuschen und dazu eine Pilz- und Gemüsesuppe. Mittlerweile spricht man hier schön deutsch und im Radio laufen slowenische Alpenschlager.
Der Zeltplatz in Ptuj entpuppt sich als Spaß-Thermalquellen-Bad mit Wiese dran. Das fetzt nicht. Also kurz entschlossen einen neuen Plan geschmiedet. Wir fahren nach Maribor und suchen uns dort eine Bleibe. Es ist ja erst 17 Uhr. Die Stadt ist irgendwie komisch. Zuerst landen wir an einer Super-G-Schanze mit Zeltplatz und das sieht alles nicht billig aus. Also fahren wir wieder ins Zentrum und finden nach ein paar Irrungen ein Hotel, welches nicht 120 Euro kostet. Dafür müssen wir mit den Motorrädern über einen verkehrsberuhigten Platz mit Café und Gästen knattern und den Hoteleingang finden wir um drei Ecken.
Nach einem kleinen Bummel am Fluss Drawa gibt es noch etwas zu essen, Martin kommt endlich zu seiner lang ersehnten Fischsuppe, werden aber leider 23 Uhr aus der Kneipe „geschmissen“. Und alle Bars haben schon zu. Ich sagte ja, eine komische Stadt.


das Karthäuserburglein


in Maribor auf dem Marktplatz

Montag 31.07. Maribor – Graz – Mariazell (Ö) 210 km
Dass wir zeitig ins Bett sind, war dann gar nicht so schlimm, denn Frühstück im Hotel gibt es nur bis 9.30 Uhr. Sowas. Diesmal ist es reichlich und gut gelaunt starten wir 11 Uhr mit Zwischenziel Graz (um eine Sachertorte zu essen) um dann etwas nördlicher wieder an einem See mit Zeltplatz zu fahren. Schon nach einigen Kilometern tut mir der Hintern weh. Man gewöhnt sich also doch nicht so schnell daran. Aber Martin geht es heute auch so. Das fahren fetzt heute auch, nur mit den Kurven tu ich mich schwer. Naja fahre ich eben mit 70km/h rum und nicht mit 80, geht auch. Muss ich eben mehr Gas beim Aufholen zu Martin geben.
In Graz gibt es keine Sachertorte (wir haben natürlich auch nicht stundenlang gesucht), dafür eine Eisschokolade. Die Stadt hat sicherlich ihre schönen Seiten, aber vieles, was wir gesehen haben, war vor 30 Jahren mal neu.
Nach Graz wird es noch schlimmer. Ziemlich runtergekommen und ganz schön ostig, könnte man sagen. In Mariazell wollen wir noch einkaufen und finden uns in einem von Touristen überlaufenen und von Schnörkelhäuschen überschwemmten Wallfahrtsort wieder. Tja nur Atheisten passiert so was. Letztendlich überstehen wir auch das ohne Bekehrung, kaufen ein und finden den Zeltplatz auch wirklich. Der Zeltplatzwart Herr Felix kommt morgen von 6-9 Uhr zum anmelden, das Bäckerauto kommt um 8, hinstellen kann man sich wo man will und Duschmarken soll man beim Zeltnachbar erfragen. Schön. Gleich werden wir eine Schnitzelschänke am See anlaufen, den man von hier leider nicht sehen kann.
Die herrschaftliche Kneipe am See hat schon Küchenschluss und das 20.30 Uhr! Das muss man sich mal vorstellen. Na ja direkt am See gibt es eine Art Strandbar und dort gibt es auch noch etwas zu essen, zu trinken, die Füße können wir fast ins Wasser halten, so nah sitzen wir dran. Machen wir aber nicht, es ist merklich kalt und in den Bergen ziehen dicke Wolken und Blitze auf, die uns letztendlich den Weg zum Zeltplatz leuchten. Es ist nämlich stockdunkel hier.


in Graz


Mariazell

Dienstag 01.08.
Geschlafen haben wir sehr gut, keine Mücken, kein Gefälle, Ruhe und angenehme Zelttemperaturen. Martin hat früh 8 Uhr Brötchen gekauft und uns beim Herrn Felix angemeldet. Das Frühstück verlegen wir sicherheitshalber ins Zelt und das ist auch gut so. Es fängt an zu regnen und zu regnen. So bleiben wir im Zelt, lesen und lauschen dem Regen. Wollen wir weiterfahren? Keine Ahnung, erst noch weiter lesen. Dann gegen 15 Uhr hört es auf und wir entscheiden uns für eine kleine Berg- und Kurvenrunde. Für 50 km weiter zufahren, macht keinen Sinn. Ich fahr vornweg, damit Martin noch eine Analyse meines Fahrverhaltens machen kann :o). Leider fängt es nach einer Stunde wieder an zu regnen und der große Rückweg wird verkürzt und ich fahr auch nicht mehr vornweg.
Nun ist es bald Zeit Abendbrot zu essen. Das herrschaftliche Anwesen hat heute gleich mal ganz geschlossen und so gehen wir wieder in die Strandbar. Diesmal setzen wir uns rein, denn wir sind arg durchgefroren und draußen sind nur noch 15 Grad! Sowas und das in unserem Sommerurlaub. Wir wärmen uns auf, essen gut und versuchen rauszubekommen, warum ich um viele Kurven nicht rumkommen (weil ich mich lege, statt drücke oder so), was es mit der optimalen Fahrlinie auf sich hat und warum ich lieber 80 statt 100km/h fahre. Eine Lösung finden wir nicht, stellen aber fest, dass wir im Urlaub und nicht bei der Rallye sind und das das alles eh überbewertet wird.
Aber morgen fahren weiter nach Budweis.

Mittwoch 02.08. Mariazell – Budweis (CZ) 270km
Herr Felix sagt Martin, dass es heute aufreißt. Und tatsächlich verziehen sich die Wolken nach unserem sicheren Frühstück im Zelt und wir ziehen erstmal keine Regensachen an. Wir fahren an der Donau entlang, über kleine Bergdörfer, die in Bilderbuchlandschaft liegen und es fährt sich gut. Dann ist es doch soweit für die Regensachen. Kurz vorher hatte ich mir noch meine Fleecejacke ausgezogen und die Sonnenbrille aufgesetzt. In Freistadt ist dichter Verkehr und wir hoffen, dass es nicht so bis zur Grenze weitergeht. Aber es lichtet sich. Wir fahren mal wieder durch „Abfoltern“ (wie schon nach unserem Kroatienurlaub und 14h Fahrt), kommen ohne langes Warten über die Grenze, der Regen verkrümelt sich und die Sonne scheint wieder. Martin wird von einem tschechischen Blödmann rechts überholt und die Pension in Budweis finden wir auch nicht. Dafür sitzen wir jetzt ca. 140km vor Prag auf der Terrasse eines Motels und lassen den Urlaub ausklingen.
Morgen ist die letzte Etappe und dann müssen wir noch überlegen, was uns am Besten gefallen hat. Oder besser wo.

Ich gebe mal einen Tipp ab, in folgender Reihenfolge: Slowenien, Polen, Ungarn/Österreich (da kann ich mich noch nicht entscheiden) und dann die Slowakei, da wars doof. Huch Kroatien hab ich ganz vergessen. Das muss ich mir noch überlegen.

Alles in allem war dieser Urlaub wie ein großer Ausflug, weil wir nie lange vorher geplant haben wie es weiter geht und wohin wir im Detail fahren wollen. Und das hat die ganze Sache sehr entspannt gemacht. Von Vorteil war für diese Planlosigkeit („…welche ja das höchste Gut eines Reisenden ist“ Zitat Schöli), dass wir nur zu zweit unterwegs gewesen sind. Alle Schnellschüsse und jede Umdisponiererei wären mit sieben Mann viel komplizierter und reibungsvoller gewesen.

Fakten:
Insgesamt 20 Tage unterwegs gewesen, in 12 Tagen 3200 km gefahren und das ganze ohne Stress oder nennenswerte technische Probleme.
Die Straßen waren in allen Ländern gut bis sehr gut, obwohl wir auch kleinere (weiße und gelbe) Straßen gefahren sind.
Grenzprobleme gab es nirgendwo, meist ging alles sehr locker vonstatten.
Negativ hängen geblieben ist, dass es in Kroatien sehr teuer geworden ist und da waren wir noch gar nicht in Istrien, dem Tourimekka. Man versucht dort eben mit aller Macht das Stück Adria was man hat, gewinnbringend an den Mann zu bringen.